Inland

Kein Unrecht rechtfertigt ein weiteres

Wenn einem Menschen Unrecht widerfährt, sucht er nach Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Unrechtmäßige Bevorzugung anderer oder entsprechende Benachteiligung für einen selbst – fast jeder kennt so etwas, und fast jeder hat es schon einmal selbst erlebt. Doch wir Muslime kennen darüber hinaus noch eine weitere Benachteiligung. Es ist für uns Muslime leider nichts Unbekanntes, aufgrund unserer Religion benachteiligt zu werden. Dies können persönliche Diskriminierungen sein, wie wenn beispielsweise ein Arbeitgeber eine Bewerberin nicht einstellt, nur weil sie Kopftuch trägt, oder leider auch staatliche Diskriminierungen durch Gesetze oder Verbote, die in erster Linie dazu gedacht sind, den Muslimen „eins auszuwischen“, um damit auf Stimmenfang zu gehen. Fälle dieser Art sind beispielsweise die verschiedenen Kopftuchverbote für Lehrerinnen ab dem Jahr 2011, das Niqab-Verbot am Steuer aus dem Jahr 2017 oder aktuell das geplante Kopftuchverbot für Schülerinnen unter 14 Jahren in NRW.

Doch wann immer Muslime es wagen, sich gegen solches Unrecht zur Wehr zu setzen, macht sich in der Bevölkerung Empörung breit. Diese Empörung ist meist mit den abwegigsten Begründungen und Forderungen gepaart. Neben Sätzen wie „Integriert euch gefälligst“, sind es vor allem Forderungen wie „Sorgt erst einmal dafür, dass Christen im Land XY dieselben Rechte bekommen wie die Muslime in Deutschland“. Wenn ich so etwas lese oder höre, kann ich mir jedoch nur an den Kopf fassen. Was habe ich als deutscher Muslim mit dem möglichen Unrecht in anderen Ländern zu tun und inwiefern rechtfertigt dies ein anderes Unrecht? 

Mit derartigen Forderungen müssen sich nur Muslime herumärgern. Bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe würde man auch nur ansatzweise auf die Idee kommen, ihnen mit einer derartigen Begründung ihre Grundrechte zu verwehren. In Uganda beispielsweise begeht die „Lord‘s Resistance Army“ (z. Dt. Widerstandsarmee des Herrn) – eine christliche Terrororganisation – seit 1987 bis heute die schlimmsten Verbrechen, wie Mord und Versklavung, gegen alle möglichen Volksgruppen, die sich nicht zu ihrem Glauben bekennen, darunter auch Muslime. Doch würde ein Muslim nun einen christlichen Mitbürger an der Ausübung seiner Grundrechte hindern, mit der Begründung, er müsse erst dafür sorgen, dass den Muslimen die gleichen Rechte zustehen wie den Christen und dass sie frei von Angst und Verfolgung leben können, würde niemand diese Forderung akzeptieren, und das zu Recht. Denn zum einen kann der friedliche Christ in Deutschland nichts für die Taten anderer Menschen, Organisationen oder Länder, nur weil sie sich zufällig derselben Religion zuschreiben, noch ist dies seine Aufgabe. Grundrechte sind absolut, was bedeutet, dass sie nicht an Bedingungen geknüpft werden können oder dürfen, auf die man keinen Einfluss hat. In einem Rechtsstaat ist niemand für die Taten eines anderen verantwortlich. 

Diejenigen, die solch unsinnige Forderungen an die Muslime stellen, würden so eine Begründung niemals für sich selbst akzeptieren. Auch wir Muslime werden solch eine unlogische und ungerechte Argumentation niemals akzeptieren. Wir werden uns mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen und wenn notwendig bis in die höchsten Instanzen dafür ziehen.